Donnerstag, 4. Januar 2018

Te Araroa: Auckland - Te Kuiti

In Auckland haben wir ja leider einiges an unserem Ruhetag zu tun wie z.B. unser Paket neu bestücken und zur Post bringen, Haare auf dem Kopf und im Gesicht schneiden, nach ein paar neuen Ausrüstungsgegenständen schauen, weil schon wieder was kaputt gegangen ist. So ein richtiger Ruhetag wirds also nicht.
Diesmal hat es unsere Platypus Faltflasche erwischt und auch mein schönes Icebreaker Shirt ist am Rücken durchgerieben. Verantwortlich dafür ist wahrscheinlich mein Sport-BH, den ich jetzt aussortiert habe und mir einen neuen, ohne Verschluss, gegönnt habe. Leider gab es in drei Outdoorläden in Auckland keine Faltflasche und auch die Shirts waren trotz Ausverkauf unsäglich teuer. Wie gut, dass ich noch das schwarze Shirt aus den USA im Paket hatte.
Um 8 Uhr startet unser Bus nach Hamilton. Wir werden eine Strecke von ca. 200 km überspringen, weil es vorwiegend Straßenlatscherei wäre und der einzige Wald wohl gesperrt ist. Die Busfahrt ist nervig mit den vielen Leuten und wir sind sehr froh, als wir wieder von Hamilton loswandern können. Leider gehts auch erstmal wieder auf Straßen los und wir werden von vielen Leuten komisch angestarrt. Ob die alle nicht wissen, dass der Trail hier entlang geht? Könnte sein, denn so alt ist der Te Araroa ja noch nicht (offizielle Eröffnung war im Dezember 2011). Wir kommen trotz Hitze, Asphalt und etwas Hüftschmerzen bei mir gut voran und stoppen in einem Café am Wegesrand. Irgendwie sind wir aber beide nicht gut drauf und können die Musik, die Leute kaum ertragen. Auch der Kaffee schmeckt nicht und wir starten bald wieder, um bis zum B&B zu kommen, wo wir im Garten für 10$ campen können. Als wir klingeln, ist erstmal keiner da und wir warten auf dem Hof und hoffen, dass die Leute nicht im Urlaub sind. Wir hören ein paar Schäfchen blöken und wissen da noch nicht, dass sie bald zu unserer Abendgesellschaft gehören werden. Das englische, ältere Ehepaar, was das B&B betreibt, kommt vom Spaziergang und lädt uns ein, ein wenig auszuruhen und im Sommerhaus Platz zu nehmen. Sie bieten uns kaltes Wasser und eröffnen uns dann, dass die Cabin leider belegt ist und dass sie sonst den Hikern erlauben, das Bad dort zu benutzen. Tja, leider nein, also dann doch nur der Spaten, die Schafswiese, aber dafür ein ruhiges Plätzchen mit vielen Sandflies, die uns am Abend ordentlich ärgern. Sandflies sind echt fiese Gesellen. Man merkt sie natürlich erst, wenn sie gestochen haben und diese Stiche jucken wie die Hölle für eine Ewigkeit. So schnell wie möglich gehen wir also schlafen und sind um 20.30 Uhr im Bett, also im Zelt... auf der Luftmatratze. Für den nächsten Tag haben wir uns viel vorgenommen, denn bis zur Hütte sind es einige Kilometer, vor allen Dingen Höhenmeter. Aber das Wetter soll schlechter werden und wir haben gelesen, dass der Weg noch matschiger und rutschiger im Pirongia Forest werden kann, wenn es geregnet hat. Wir laufen also über Straßen, Wiesen, Farmland und werden irgendwann von "Twig" und "Lost Kiwi" überholt. Die beiden haben die Strecke zwischen Auckland und Hamilton nicht übersprungen und machen jeden Tag ein ordentliches Pensum von mindestens 30-40km. Wir treffen sie nochmal am Fuße des Berges, dort ist ein Campground mit Flüsschen, wo wir Wasser auffüllen und uns stärken können. Alle breiten ihre Zelte zum Trocknen aus, weil eigentlich jede Nacht soviel Feuchtigkeit in der Luft ist, dass die Zelte nass und schwer werden. Ab dem Campingplatz verläuft der Weg angenehm bergauf und wir freuen uns schon, dass es so leicht und auch noch idyllisch ist. Am Ende ziehen sich die 24km aber doch erheblich, weil es immer wieder "falsche Gipfel" gibt, die uns mental aber auch körperlich ordentlich Körner kosten. Wir halten mit Steffen über SMS Kontakt und er berichtet, dass die Hütte immer voller wird. Hoffentlich bekommen wir noch eine Matratze im Bettenlager, was für 20 Leute ausgerichtet ist. Es soll in der Nacht schon anfangen zu regnen und da wäre es gut, ein festes Dach über dem Kopf zu haben. Die letzten Meter sind immer mal wieder mit Boardwalk ausgestattet und das ist doch erheblich angenehmer zu gehen, wir kommen trotzdem ziemlich ko in der Hütte an und freuen uns, Steffen dort wiederzusehen. Er ist schon etwas länger hier oben und hat sich quasi schon häuslich eingerichtet. Es sind einige Menschen hier, nicht nur Thru-Hiker, sondern auch Sectionhiker, die mit ihrem ausgefallenen Silvestermenue auffallen. Denn es gibt Wein, verschiedenen Sorten Käse, Brot und Cracker. Wir peppen unser Essen "nur" mit Knoblauch, Kurkuma und Olivenöl auf und zur Feier des Tages gibt es ein paar Erbsen. Wir halten natürlich nicht bis um 12 Uhr durch und verschlafen den Jahreswechsel, wie auch einige andere auch. Alle sind von dem anstrengenden Aufstieg ziemlich erledigt. Der Abstieg wird auf 3-5 Stunden geschätzt und wir sind gespannt, wie wir es mit den Wurzeln und dem Matsch hinbekommen. Die Hütte steht am Morgen im Nebel und es regnet leicht, so dass wir in voller Montur losstiefeln. Aber die Temperaturen sind für unsere Ponchos und Regenhosen doch zu warm. Es dauert nicht lange, bis wir das ganze Gummizeug wieder ausziehen. Die Matschlöcher sind zahlreich, die Wurzeln seifig glatt und manche Passagen sehr steil. Wir schaffen es ohne Stürze, aber die Konzentration bei jedem Schritt ist so hoch, dass wir nach 3,5 Stunden zwar heile unten ankommen, aber ziemlich müde sind. Leider ist das noch nicht unser Tagwerk, es gibt noch einiges an Schotterwegen zu bewältigen und die Frage nach der Übernachtung ist auch noch nicht klar. Es gibt wohl jemanden, der Wanderer in seinem Garten übernachten lässt, aber ob er zu Hause ist, wissen wir nicht. Wir laufen erstmal los und müssen bald wieder die Regenponchos rausholen und als wir die stark befahrene Asphaltstraße erreichen, pladdert es mächtig. Hmmm, bei so einem Wetter zu zelten kann richtig unangenehm sein. Als wir zu Michaels Haus kommen, sind Manu und Paula, ein Pärchen, was wir auf der Hütte kennengelernt haben, schon auf der Veranda und versuchen sich etwas trocken zu legen. Wir müssen um den Hühnerdreck auf der Veranda etwas herumtänzeln, können uns aber dann auch im Wohnzimmer ein wenig aufwärmen und trocknen. Michael wohnt allein mit seinen 6 Hühnern und einigen Kühen, die er von seiner Wohnzimmer beobachten kann. Das kleine Häuschen hat den Charme einer Junggesellenbude, obwohl er auch Kinder und Enkelkinder hat. Aber auch wenn er immer wieder betont, wie gut es ihm geht, wirkt er sehr getrieben, unruhig und steckt sich immer wieder sein Pfeifchen mit Rauschmittel an. Es ist mal wieder bizarr, wir tropfnassen Hiker auf dem Sofa, der 90. Geburtstag der Queen im Fernsehen und der rauchende Hausbesitzer, der mit seinen Hühnchen spricht wie mit Kindern. Das französische Pärchen macht sich bald wieder auf den Weg, sie wollen noch 10 km laufen und dann irgendwo am Fluss zelten. Wir bleiben definitiv hier, bauen aber im Regen noch nicht das Zelt auf, sondern trinken erstmal mit Michael Tee. Er scheint die Gesellschaft zu genießen. Im Laufe des Gesprächs bietet er uns dann auch ein paar Matratzen im Haus an, die wir dankend annehmen. Das ganze Haus ist zwar etwas dreckig, aber wir haben ein trockenes Plätzchen, das ist toll. Zwei Hühnchen stehen draußen bei dem Regen unter einer Schiebkarre und das ganze nasse Elend ist in diesem Ferdervieh sichtbar. Oh man, wenn man als Wanderer und Huhn nass, hungrig und müde ist, kommt so einiges zusammen. Hilfreich ist dann eine warme Jacke und ein Nudelsüppchen, was wir glücklicherweise beides haben. Wir können Michaels Töpfe und den Herd nutzen und machen uns eine große Portion Ramen-Nudeln, die uns wieder durchwärmt. Ich schlafe in der Nacht wie ein Baby und erhole mich von der unruhigen Hüttennacht, wo ich stündlich aufgewacht bin, weil die Betten so kurz und die Leute so laut waren. Am Morgen ist natürlich alles feucht und nebelig, aber es regnet nicht mehr. Gut. Wir machen uns auf, reden noch lange über Michael, die Kiwis. Land und Leute in Neuseeland eben. Der Trail zeigt uns viele Facetten des Landes, aber eins ist sicher, diese Gastfreundschaft hier ist einmalig.
Steffen hat sich vorgenommen, heute über 32km zu gehen, kurz vor Waitomo soll es eine Hut geben, wo man für 15$ übernachten kann. Wir sind unschlüssig, ob so ein langer Tag überhaupt machbar ist und laufen erstmal los. Es geht durch Wald, der mal wieder fiese, tückische Matschlöcher hat und über Wiesen mit sehr ängstlichen Schäfchen. Wir kommen an ein Schild, auf dem der Waitomo Walkway mit 17km und ca. 5 Stunden Dauer beschrieben wird. Man darf nirgendwo campen und somit ist klar, dass auch wir den langen Tag machen werden. Puh, mal sehen, wie es uns damit geht, denn das letzte Mal, als wir so eine Strecke zurückgelegt haben, waren wir noch 4 Jahre jünger, eine Ewigkeit her. Ein Gewitter zieht schräg an uns vorbei und wir hören immer mal wieder das Grollen. Die Wolkenschichten sind vom Flugplatz gut zu sehen, aber bei diesem Wetter können wir die Graspiste gut überqueren, ohne in Gefahr zu geraten. Es geht nochmal einige Matschwege hoch und runter und auch ein Fluss muss noch durchquert werden, dann erreichen wìr die Straße. Nur noch 1,5km bis zur Hut, die von einem Club geführt wird. Einige junge Leute wohnen und arbeiten hier, wobei das Arbeiten wohl eher Nebensache ist, denn die Hütte ist insgesamt etwas runter und dreckig. Aber immerhin gibt es ein Zimmer für uns allein und eine warme Dusche. Zwei Leute, die gerade mit dem Auto losfahren wollen, können wir überzeugen, dass sie uns Chips und süße Getränke aus der Stadt mitbringen. Gutes Timing.
Wir essen unsere letzten Gerichte, der Futterbeutel hat nur noch ein paar Haferflocken fürs Frühstück, dann bin ich komplett pleite. Leider habe ich mir das Essen mal wieder nicht gut eingeteilt oder hatte zu wenig dabei. Das ist echt ein Problem, mich unterwegs so zu disziplinieren, dass ich auch am Ende noch etwas habe und nicht 2tall um Trailmix anbetteln muss. Gerade Salznüsse kann ich so wegsaugen und bei Regen esse ich immer zuviel, weil ich dann auch so genervt bin. Hoffentlich kann ich mir da für die Südinsel noch eine bessere Taktik aneignen, denn dann werden wir auch mal 8-tägige Abschnitte haben, ohne nachkaufen zu können. Am nächsten Tag kommen wir aber durch Waitomo, einem Touristenörtchen, denn hier gibt es die Glühwürmchen-Höhlen und für schlappe 91$ kann man eine Tour buchen. Wir steuern das Café an und gönnen uns ein zweites Frühstück, um die 17km bis Te Kuiti zu meistern, denn die haben es laut den Trailnotes nochmal in sich. Es geht immer wieder 150 Höhenmeter hoch und runter, und das angekündigte Farmland hat eigentlich immer Löcherwiesen zu bieten, weil die Kühe alles kaputt treten. Hinter Waitomo haben wir aber erstmal ein ganz anderes Problem, denn ein Bulle weigert sich strikt, seine Weide freizugeben, damit wir passieren können. Er schreit und blökt, verfolgt uns am Zaun und scharrt gefährlich mit den Hufen, wobei er auch den Kopf zum Angriff senkt. Das Vieh ist aggressiv und glücklicherweise weiß es nicht, dass dieser kleine Zaun ein Leichtes für ihn wäre, da durchzumarschieren. Wir wollen es nicht drauf ankommen lassen und entscheiden uns, außen rum zu gehen, was zum Glück möglich ist. Mit jedem Schritt werden wir beobachtet, verfolgt, heftig angebrüllt. Seine Kollegen auf der Weide sind übrigens völlig ruhig und veranstalten nicht so ein Theater. Sehr ungewöhnlich. Wir kommen ohne Angriff des Killerbullens wieder auf unseren Weg und müssen auf einem glitschigen Pfad steil gehen, hier wurde versucht, einige Stufen zu bauen, aber der lehmige Boden macht es uns Wanderern echt nicht einfach. Nach dem Lehm kommt der "Gorse", eine sehr pieksiger Busch, der hier gut zu wachsen scheint, denn der Weg ist dicht und ärgert uns erheblich. Neben dem anstrengenden Weg, der hohen Luftfeuchtigkeit, dem aggressiven Bullen gibt es dann noch zur Krönung ein Flugzeug, was fast direkt über uns irgendein Zeug versprüht. Es ist eine komische Situation, denn der Pilot besprüht nur ein bestimmtes Gebiet und am Rande veranstaltet er artistische Flugmanöver. Heute wird uns wirklich alles geboten und als wir dann noch 30 Minuten nach dem Weg forschen müssen, weil sowohl Marker fehlen, als auch der GPS Track nicht passt, kippt die Stimmung bei uns dreien. Das ist wirklich nervig und wir verlieren dadurch einfach Zeit. Leider stürzt Steffen dann auch noch fast von einem Übertritt, weil der Pfosten plötzlich nachgibt. Er landet auf dem Zaun, der zum Glück aus glattem Draht besteht und keine Stacheln hat. Wat ein fieser Tag, den wir so nicht nochmal brauchen. Wir essen in Te Kuiti und kaufen noch ein. Während 2tall vor dem Supermarkt auf unsere Rucksäcke aufpasst, wird er von einem Typen mit einem Kommentar beschenkt: "You gonna get your ass wet...!" Das ist doch mal eine nette, einheimische Begrüßung und Ankündigung des Tropensturms in den nächsten Tagen.
Wir verabschieden uns von Steffen, der im Backpackers etwas außerhalb der Stadt wohnen wird. Wir werden zwei Ruhetage machen und den Regen hier im Motel aussitzen. Na denn!

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