Sonntag, 6. August 2017

Radwanderung Teil 4: Grünes Band Richtung Harz

Wir radeln weiter an der ehemaligen innerdeutschen Grenze nach Süden. Auch an diesem Morgen regnete es erstmal kräftig, als wir dann aber um 10 Uhr vom Arendsee starteten, war es trocken und warm. Wir fuhren auf sehr einsamen Wegen, sahen mal wieder einige Kraniche und wunderten uns über die menschenleere Gegend. Wir waren wenig redselig und die Landschaft zog einfach so an uns vorüber. Bis mittags war es auch noch möglich, mal eine Zeitlang 20 km/h zu flitzen. Das änderte sich dann aber mit der Beschaffenheit der Wege: super schlechte, holprige Plattenwege. Die großen Gedenktafeln, dass bis 1989 hier die Grenze entlang lief, und den ehemaligen Wachtürmen, machten uns nachdenklich. Wie muss es hier vor 1989 gewesen sein, wie ging es den Menschen hier in der Zeit und wie ist jetzt eigentlich das Verhältnis zwischen den Ossis und Wessis? Wir haben definitiv noch übergroße Schubladen in unseren Köpfen, die prompt aufspringen und sich in mancher Situation in den Vordergrund drängen. Ab mittags frischte plötzlich der Wind auf und auch die Landschaft wurde etwas hügeliger. Die Kombination ist bei Gegenwind natürlich blöd und unser Tempo nahm drastisch ab. Ich hatte den großen Vorteil, hinter 2Tall Windschatten zu fahren und war dafür sehr dankbar. Wir kämpften uns durch die Landschaft, hatten aber keinen Regen mehr. Ziemlich abgekämpft kamen wir in Diesdorf beim Landgasthof Niemann an, es waren an diesem Tag nur 78 km, aber mit dem Gegenwind fühlte sich es eindeutig nach über 85 km an... Hoffentlich kommt morgen der Wind mal wieder aus der "richtigen" Richtung.
Das kam er leider nicht. Wir hatten am Morgen zwar das Gefühl, die Windstärke hätte etwas abgenommen, aber im Laufe des Tages hatten wir immer wieder heftige Böen, die uns zum Schwanken brachten und uns über den gesamten Weg auch ganz schön zäh und müde machten. Interessant war ein Gedenkpfad, den wir uns ansahen, an dem die verschiedenen Stacheldrahtzäune, Gräben und Mauern sichtbar wurden, die im Laufe der Zeit zur innerdeutschen Grenze wurden. Es waren nur kurze Stücke, aber es reichte uns, um einen unbehaglichen Eindruck zu bekommen... In einem größeren Ort gönnten wir uns an einem Supermarkt kalten und warmen Kaffee. Ein paar Mal fiel uns auf, dass die Leute uns schräg anguckten. So auch diesmal. Sind es die Fahrradtaschen? Unsere Größe? Komisch, denn so dreckig und abgerissen wie teilweise auf dem Appalachian Trail sahen wir eigentlich nicht aus. Wahrscheinlich ist es einfach eine für manche Menschen etwas ungewöhnliche Form des Urlaubs. Fahrrad fahren hier entweder nur Kinder oder Leute, die sich kein Auto leisten können. Vielleicht sind wir deswegen hier wie Aliens. Nach 78 km erreichten wir nach dem finalen Schlussanstieg den Campingplatz Mariental-Horst. Unsere Bleibe war für 2 Tage ein Wohnfass, was sich bei dem Wetter als echte Alternative zum Zelt entpuppte. Denn wir hatten eine trockene Sitzgelegenheit, viel Platz im "Schlafgemach" , sogar Wasserkocher und Kühlschrank und der Campingplatz bot uns all die Annehmlichkeiten, wie eine Waschmaschine und einen Trockner, die wir für einen "vernünftigen "Zero-Day" (Null geradelte Kilometer) brauchten. Glücklicherweise gab es einen Bäcker und einen Supermarkt in Fahrraddistanz, so dass wir uns auch am Zero-Day irgendwie versorgen konnten. Der gesamte Tag bot übrigens Regenwetter vom Feinsten, so dass wir sehr froh waren, ein festes Dach über dem Kopf zu haben. Sogar die Räder standen auf dem Campingplatz trocken und wir hatten das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben. Der Ruhetag hatte uns allerdings etwas " aus dem Tritt" gebracht, wir kamen nur langsam im Lappwald voran, aber das konnte auch an der Steigung liegen, die uns stetig begleitete. An diesem Sonntag Morgen trafen wir viele Hundespaziergänger und einige Jogger, sogar ein Laufreff mit entsprechenden T-Shirts war am Start. Es war noch kühl an diesem Morgen, auch wenn die Sonne schien, und wir bibberten etwas bei den Abfahrten. Als wir aus dem Wald raus waren, blies uns der böige Wind mal wieder direkt ins Gesicht. Oh, wie doof, denn darauf hatten wir nur sehr wenig Lust. An einem Punkt hatten wir einen wunderschönen Weitblick über das Harzer Vorland. Der Brocken war eindeutig zu identifizieren und die vielen Windräder zeigten uns auch klar, von wo es pusten würde. Bei einer Straßensperrung, wegen einer Baustelle, konnten wir uns am Rande vorbei quetschen, ansonsten boten uns die Wege von Kopfsteinpflaster über Plattenwege alles an, was ein Radfahrer nicht braucht. Dazu noch der Wind, da hatten wir "viel Spaß". Aber der Tag war mit den Gedenkstätten Marienborn und Hötensleben schon auch eindrucksvoll. Sehr schwer vorstellbar, wie die Menschen, besonders in Hötensleben so eng am Todesstreifen leben konnten. Es ist wichtig, dass die Erinnerungen an diese Zeit präsent bleiben, aber wir fühlten uns dort unwohl und waren froh, nach einer Pause, dort wieder wegfahren zu können. Mit den schönen Ausblicken und den diversen Rehen in den Kornfeldern war es aber auch idyllisch und schön. So schön, dass wir kurzzeitig überlegten, noch weiter als Hessen zu fahren. Aber die Unterkünfte waren hier entweder telefonisch nicht zu erreichen, ausgebucht oder kosteten ein Vermögen, auch wenn es sich Pilgerunterkunft nannte und ein Schnäppchen von 120€ war... Die Pension an der Bahn entpuppte sich als kleine, schöne Unterkunft und wir waren froh, genau hier und nicht "da" zu sein ;-)

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