Dienstag, 27. Juni 2017

Alpenüberquerung E5 Oberstdorf-Meran

Im Sommer 2016 machte sich 2Tall mit einer geführten Wandergruppe auf den Weg über die Alpen. Warum nicht alleine und selbst organisiert? Ganz einfach: weil es eine relativ spontane Entscheidung war, weil ich zu faul zum Organisieren war, weil ich keine Erfahrung in den Alpen hatte, und weil sich das Verlassen auf einen Bergführer als goldrichtig herausstellte, als wir mit ziemlich viel Schnee und heftigen Bedingungen konfrontiert wurden.
Am ersten Tag traf sich die Gruppe am Bahnhof in Oberstdorf. Zuvor war ich mit dem Auto angereist und musste in Oberstdorf einen Parkplatz finden, was so funktioniert, dass man einen Automaten mit Zwei-Euro-Münzen füttern muss (es gibt keine kostenlosen Parkplätze), wovon man für eine Woche parken mehrere Münzrollen braucht, die man natürlich bei der örtlichen Sparkasse gegen eine geringe Gebühr bekommen kann, wenn man sein Auto auf einem kostenpflichtigen Parkplatz abgestellt hat und dann zur Sparkasse gelaufen ist. Alles klar?
Wie auch immer, bei strömendem Regen ging es mit dem überfüllten Bus zur Spielmannsau, wo wir mit voller Regenmontur starteten. Zunächst stapften wir recht moderat bergan zur Materialseilbahn, die jedoch nicht in der Talstation war, sodass wir unsere Rucksäcke selbst zur Kemptner Hütte hochtragen mussten. Ich hatte mir grundsätzlich überlegt, dass ich eigentlich in bester Wandertradition sowieso immer meine Sachen selbst tragen wollte, aber als ich das äußerte, wurde ich vom Bergführer nur belächelt, und er behielt Recht: Ich bin als Flachländer die Höhe einfach nicht gewöhnt, und war später mehr als dankbar, dass es wiederholt die Gelegenheit gab, den Rucksack in die Seilbahn zu packen und hochfahren zu lassen. Ich habe auch so noch genug gelitten bei den heftigen Aufstiegen, soviel kann ich schon vorweg nehmen…
Als der Weg steiler wurde, stellte sich schnell heraus, dass ein älterer Herr in unserer Gruppe Probleme hatte, den Anschluss zu halten. Unser Führer wartete auf ihn, und wir anderen gingen weiter im strömenden Regen durch den Sperrbachtobel hinauf. Wir mussten immer wieder Bäche aus Seitentälern und sogar Wasserfälle überwinden, die quer über den Pfad rauschten, während unten in der Schlucht noch Eisplatten aus dem Winter lagen. Und auch wenn es insgesamt nur 6 km und 850 Höhenmeter bergauf waren, kam ich ganz schön ins Schwitzen und musste mehrmals Pausen machen.
In der Kemptner Hütte angekommen, musste ich erstmal im völlig überfüllten Trockenraum (der mehr einer Tropfsteinhöhle entsprach) ein freies Plätzchen finden, um meine völlig durchnäßten Sachen auszuziehen, damit ich wieder warm und trocken werden konnte. In 1846 m Meereshöhe war mir nämlich nach stundenlanger Wanderung im unaufhörlichen Regen etwas kalt geworden. In den nächsten Tagen sollte sich auch für mich als „Hüttenneuling“ in den Alpen die übliche Routine einstellen: Ankommen, Schuhe und nasse Sachen in den Trockenraum, Platz im Schlaflager suchen, notdürftige Körperhygiene (meist mit kaltem Wasser), Umziehen, mehrgängiges Essen im übervollen Gastraum, dabei Unterhaltungen im Lärm und Gewusel der vielen Wanderer, ein paar Getränke, ab ins Schlaflager, wo man irgendwie nicht zu Ruhe kommt wegen unruhiger Mitwanderer und eigener schmerzender Knochen, viel zu frühes Früstück, Sachen zusammen suchen und wieder los. Immerhin hatten wir als geführte Gruppe in einigen Hütten etwas kleinere Nachtlager, sodass wir auch mal etwas „unter uns“ waren. Außerdem übernahm natürlich der Bergführer die Anmeldung, Bezahlung der Hütte und Verhandlungen mit den Hüttenwirten.
Am zweiten Tag mussten wir zunächst noch ca. 150 Höhenmeter hinauf zum Mädelejoch und dort über die Grenze nach Österreich, wo es dann 950 m hinunter nach Holzgau ging. Auch wenn viele Gipfel noch wolkenverhangen waren, zeigten sich uns doch schon einige schöne Ausblicke. Unterwegs sahen wir sogar noch Salamander und Gemsen. Beim Abstieg ins Tal musste ich mir vom Bergführer einige Kommentare anhören, wie z.B. „Wenn du deine Hände suchst, die sind in deinen Taschen“. Ich war nämlich als einziger ohne Wanderstöcke unterwegs, und da ich recht trittsicher bin, wurde ich etwas sorglos, und das konnte mir der Führer aus Sicherheitsgründen nicht durchgehen lassen. (Schon am nächsten Tag war ich froh darüber, dass er mir einen seiner Stöcke geliehen hat, denn mit so viel Schnee hatte ich nicht gerechnet.)
Nach dem Mittagessen in Holzgau wurden wir mit dem Taxi nach Madau gebracht, damit wir uns die lange Strecke durchs Tal sparen konnten, was auch gut war, denn nun folgte ein heftiger Anstieg (wieder in strömendem Regen) zur Memminger Hütte. Alle nahmen die Möglichkeit, ihre Rucksäcke in die Materialseilbahn zu verfrachten, dankbar an. Unser Bergführer legte ein mörderisches Tempo vor, sodass wir am Ende eine Viertelstunde weniger Zeit brauchten, als auf den Schildern als reine Gehzeit angekündigt war! Mein Wunsch nach einer Pause wurde zwar kurz erfüllt, aber später musste ich dann doch abreißen lassen. Was für eine Schinderei… aber auf dem letzten, relativ flachen Stück zur Hütte hatte ich mich wieder erholt, und wenn der Weg eben ist, kann ich meine großzügige Schrittlänge gut ausspielen, und so holte ich die Gruppe wieder ein.
Abends staunten wir nicht schlecht, weil es heftig zu schneien anfing und nicht wieder aufhörte. Morgens mussten wir also durch den Schnee zur Seescharte hoch auf 2705 m, wobei ich mich selbst für meine Entscheidung beglückwünschte, diese Tour mit Bergführer gebucht zu haben. Ich kenne zwar ziemlich heftige Steilpassagen von anderen Wanderungen, aber bei 20 bis 30 Zentimeter Schnee ist das alles nochmal eine ganz andere Nummer. Zeitweise hatten wir einen kompletten „White-out“, d.h. außer wenigen Metern weißen Schnees um uns herum konnten wir nur weißen Wolkennebel sehen, was die Orientierung unmöglich machte. Es gab zwar ein paar Fußspuren von anderen Wandergruppen, die vor uns aufgebrochen waren, aber das als einzige Wegfindung zu nutzen, wäre mir etwas zu riskant gewesen, wenn ich allein unterwegs gewesen wäre. Einige Wanderer sind auch lieber in der Hütte geblieben, aber unser Führer war sehr erfahren und brachte uns souverän weiter.
Kurz vor der höchsten Stelle gab dann leider einen Stau, weil eine amerikanische Gruppe mit unzureichendem Schuhwerk Probleme hatte, und so mussten wir an einer unangenehmen Stelle anhalten: Links steiler Fels hoch, rechts steiler Fels runter, der Pfad einen Fuß breit und ein eiskaltes Stahlseil zum Festhalten. Der Wind und der unablässige Schneefall kühlten uns knallhart ab. Endlich ging es weiter, aber auf der anderen Seite der Scharte folgte die nächste Herausforderung, denn man musste sich sehr steil einen tief verschneiten, rutschigen Abhang hinunter bewegen, wobei es immerhin ein Seil und Anweisungen des Bergführers zur Unterstützung gab. Und schon eine weitere Stunde steilen Abstiegs später kamen wir an die untere Wolkengrenze, von wo wir die Schneegrenze tief unten im Tal sehen konnten, die wir nach einer weiteren Stunde Rutschpartie auch erreichten.
Völlig platt kehrten wir auf der Oberlochalpe ein, und im weiteren Abstieg durch das Zammer Loch nach Zams zeigte sich dann sogar mal die Sonne. Hier war der Weg so, wie ich mir schöne Wanderwege vorstelle: Ein bisschen Wald, dann mal wieder ein schöner Ausblick, ein schmaler Pfad, der nicht zur Wanderautobahn ausgebaut wurde, und schön bergab ;-) Wir schafften es noch zur letzten Bahn hinauf zur Gipfelhütte des Venet, wo wir die luxuriöseste Unterkunft der ganzen Tour hatten. Sie war schön ruhig, nicht überfüllt, wir hatten Mehrbett-Zimmer mit eigener Dusche und Toilette fast wie in einem Hotel.
Und wieder starten wir in einen kalten nächsten Tag, wandern zunächst relativ eben und dann bergab nach Wenns, von wo aus wir mit dem Taxi nach Mittelberg gebracht werden. Zu diesen Taxifahrten ist übrigens anzumerken, dass sie viele Asphaltkilometer im Tal abkürzen, und die Alpenüberquerung sonst viel länger dauern würde. Es gibt ja mittlerweile mehrere Fernseh-Dokus über den E5, und diese verschweigen die eine oder andere Taxifahrt komplett. Wenn man die Strecke kennt, weiß man, dass die in der Zeit nicht alles zu Fuß gegangen sein können. Außerdem machen die Fernsehleute (und auch einige Touranbieter) den Weg in 8 bis 10 Tagen, sodass sie längere Etappen auf zwei Tage aufteilen und dafür sorgen, dass man öfter in angenehmen Hotels im Tal und nicht auf den engen Hütten übernachtet.
Auch wenn wir also in Wenns eigentlich schon fast ein Tagespensum hinter uns hatten, ging es nach dem Transfer nach Mittelberg nochmal richtig steil: Über 1000 Höhenmeter hinauf zur Braunschweiger Hütte auf 2759 m. Hier wurde meine Leidensfähigkeit auf eine echte Probe gestellt, denn mir steckten natürlich die ersten Tage voll in den Knochen, außerdem hatte ich eine leichte Infektion, die ich mit Medikamenten bekämpfte, und es regnete und schneite natürlich wieder fast ohne Ende. Doch nach 17 km, unzähligen Höhenmetern und ungefähr 9 Stunden war auch dieser Wandertag dann endlich geschafft.
Aber nur keine voreiligen Schlüsse: Dies wurde am nächsten Tag noch überboten. Wir stiegen durch den tiefen Schnee weiter hinauf zum Pitztaler Jöchl (2990 m), wo wir bei strahlend blauem Himmel über den Skihang hinab zum Gletscher-Stadion Sölden rutschten. Hier war sogar ein Teil des Schnees mit weißen Plastikfolien großflächig abgedeckt, damit im Sommer nicht zu viel schmilzt und die allgegenwärtigen Schneekanonen nicht überlastet werden. Per Bus ging es durch einen Tunnel hinüber zum Tiefenbachferner. Der darauf folgende Panoramaweg nach Vent machte seinem Namen tatsächlich alle Ehre, und es wäre eine schöne Tagesetappe gewesen, wenn sie dort zu Ende gewesen wäre. Aber weit gefehlt, nach der Mittagspause im Restaurant mussten wir noch einige Kilometer und ca. 600 Höhenmeter hinauf zur Martin-Busch-Hütte. Damit waren wir an diesem Tag insgesamt 20 km und 9 Stunden unterwegs gewesen.
Meine Kondition war miserabel, und nachdem wir am nächsten Morgen weitere 550 Höhenmeter zur Similaunhütte (3019 m) hochgestiegen waren, konnte ich nur noch hechelnd am Tisch sitzen und auf mein Ende warten… das dann natürlich nicht kam, aber ich fühlte mich nicht mehr wirklich lebendig. Nach einem ewigen Abstieg hinunter nach Vernagt saß ich in der Hütte und mir wurde abwechselnd heiß und kalt, wahrscheinlich hatte ich Fieber. Die wenigen Schritte zum Bus konnte ich nur noch in Zeitlupe zurücklegen. Auch wenn ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen und es nicht so recht wahrhaben wollte, aber hier hatte ich meine körperlichen Grenzen eindeutig überschritten. Im Hotel in Meran legte ich mich erstmal ins Bett und schlief, während alle Mitwanderer bei schönstem Wetter das Städtchen erkundeten.
Wahrscheinlich war ich durch die Infektion und meine fehlende Vorbereitung einfach zu schwach gewesen, denn ich schaffte es zwar noch (nach der Busfahrt von Meran zurück nach Oberstdorf am nächsten Morgen) mit dem Auto nach Hause zu gondeln, aber das war eine reine Willensanstrengung, weil ich nicht in Oberstdorf zusammenklappen wollte. Das passierte dann zu Hause, und ich musste mich eine Woche lang erstmal wieder aufpäppeln (lassen).
Was bleibt also übrig von meiner Alpenüberquerung? Anstrengend wars. (Hatte ich schon kurz mal erwähnt, oder?) Die Gruppe war nett. Der Bergführer und die Organisation waren klasse. (Danke an die Alpinschule Innsbruck!) Die Alpen sind ein Erlebnis, aber Berge sind nicht so mein Ding (lieber Wald und nicht so viele Höhenmeter), und auf die Skigebiete und das ganze touristische Zeugs kann ich gut verzichten. Außerdem ganz schön heftiges Wetter mit einigen Gefahren, und richtig viel Schnee, sogar mitten im Juli!
Insgesamt ein klares „Ja, kann man mal machen, muss man aber nicht, der Hype um den E5 ist etwas übertrieben, es gibt bestimmt noch ruhigere und schönere Ecken“. Ich sage jedem, der es dennoch versuchen will: Trainiere vorher, nimm Handschuhe und Mütze und Ohropax mit, und dann viel Spaß!

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